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gypsy goes jazz #15 - Goin' West: Swing & Bop in Los Angeles (26.05.2015, 22:00)

1946 war das "last glory year" der grossen Swing Big Bands, die seit einem Jahrzehnt immensen Erfolg hatten, die die Populärmusik seit Mitte der Dreissigerjahre dominierten. Jetzt bahnte sich eine Ablösung an. Teils waren die Bands Opfer ihres Erfolges (das Publikum schreite stets nach Neuem), für die anbrechende Friedenszeit wollte man auch eine neue Musik. Teils waren die Bands aber auch Opfer der Umstände des Krieges: die Steuern, mit der die Unterhaltungsindustrie belegt wurde, waren stark gestiegen, es mangelte an Treibstoff, Gummi und Schellack – und manche Band litt auch unter den vielen abwesenden Musikern, die Dienst zu leisten hatten. Dazu dauerte der 1942 begonnene recording ban der Musikergewerkschaft bis 1944 – und als er endlich vorbei war, war der Bebop entstanden. Am Ende des Jahres 1946 hatten unter anderem Les Brown, Tommy Dorsey, Benny Carter, Woody Herman oder Benny Goodman ihre Bands aufgelöst.



Eröffnung des Hollywood Palladium 1940 - noch waren die USA nicht im Krieg, die Big Band-Szene blühte in voller Pracht!

Gerade Kalifornien, das durch Hollywood aber auch durch die boomende Kriegsindustrie zu einem neuen Zentrum der Unterhaltungsindustrie geworden war, wurde von diesen Entwicklungen überrumpelt. Das Nachtleben der Stadt hatte sich so weit entwickelt, dass es längst ohne Unterbruch lief: wenn die Schichtarbeiter mitten in der Nacht ihren Dienst durch hatten, gab es auch für sie Lokale, die in den frühen Morgenstunden zum Tanz, zur Unterhaltung geöffnet hatten. Los Angeles wurde zum Magnet, das Musiker nicht aus dem mittleren Westen sondern auch aus New York anzog.

Das Zentrum der Jazzszene war die Central Avenue, an der sich die Lokale aufreihten, in denen die besten Musiker der Stadt auftraten, sich zu Jam Sessions trafen, in denen Tenorsaxophonisten ihre Klingen kreuzten. Anfang 1945 kam die Band von Coleman Hawkins erstmals an die Westküste. Trotz Trompeter Howard McGhee war die Musik der Band noch nicht gänzlich Bop, der Leader war zwar harmonisch auf der Höhe der jungen Wilden, aber rhythmisch blieb er bei seinem mitreissenden aber gleichmässigen Swing. Im Dezember 1945 jedoch kamen Dizzy Gillespie und Charlie Parker nach Los Angeles und traten im Billy Berg's auf. Die jungen Musiker der Stadt fanden sich allesamt ein, um die Lektionen, die von Meister Parker erteilt wurden, nicht zu verpassen.



Howard McGhee & Charlie Parker (ca. 1947)

Als Gillespie und die Band wieder abreisten, blieb Parker in Los Angeles. Die Geschichte ist einigermassen dokumentiert: Probleme, an genügend Stoff zu kommen, sich verschlechternde Gesundheit, notorische Unzuverlässigkeit ... schliesslich der Zusammenbruch und ein Aufenthalt im Camarillo State Mental Hospital. Ross Russell, Inhaber des Tempo Music Shop in Hollywood, hatte 1946 sein Independent-Label Dial Records gegründet und bereits mit Parker und Gillespie Aufnahmen gemacht. Nicht alle davon waren gut, doch die besten waren grossartig. Der junge Miles Davis, der unmittelbar vor Parkers Abreise nach Kalifornien schon in New York an einer Plattensession mitgewirkt hatte, war 1946 in Kalifornien, wo er mit der Band von Benny Carter spielte.

Als Parker aus Camarillo entlassen wurden, entstanden weitere Aufnahmen – neben Miles Davis wirkten bei diesen Sessions auch lokale Musiker mit: Dodo Marmarosa, Wardell Gray, Lucky Thompson, Barney Kessel, Roy Porter ... und auch Howard McGhee war zur Stelle. In seiner Band wirkte Parker einige Zeit als Sideman, neben Saxophonisten wie Sonny Criss oder Teddy Edwards, die aus erster Hand lernen konnten.



Die erste kalifornische Bebop-Band: Leader Howard McGhee (t) mit Vernon Biddle (p), J.D. King (ts), Bob Kesterson (b), Teddy Edwards (ts) und Roy Porter (d), 1945 oder 1946

McGhee hatte schon vor Parkers Anreise die erste Bebop-Band Kaliforniens geleitet und Teddy Edwards, den er zum Wechsel vom Alt- aufs Tenorsaxophon animiert hatte, wuchs darin zur gewichtigen Stimme an. Er sollte in einer Kombination von Pech und Fehlentscheidungen – die natürlich erst nachträglich als solche erkennbar wurden – nie eine ordentliche Karriere machen. Bei McGhee, der damals in jedem Solo aufs Ganze ging, war er der etwas kühlere Gegenpart. Als die beiden 1960 wieder zusammentrafen, waren die Rollen vertauscht: McGhee war nicht mehr ganz so wagemutig und überraschend in seinem Spiel, Edwards wirkte jedoch unglaublich souverän, zupackend, selbstsicher. Später tourte er auch mal mit Tom Waits, aber man vergass ihn immer wieder. Zum Glück hinterliess er einige sehr schöne Aufnahmen.

Die Sendung ist die erste von dreien, in denen Los Angeles im Mittelpunkt steht – eine Sendung zu San Franciso folgt nach der Sommerpause. Der Zeitraum beschränkt sich auf ein das Dutzend Jahre von 1944 bis 1956. In der ersten Folge hören wir zunächst einige lokale Big Bands aus den Vierzigern: Benny Carter, Jimmy Mundy, Stan Kenton. Dann bricht der Bebop in Kalifornien ein: Howard McGhee, Charlie Parker, Wardell Gray, Dexter Gordon werden mit eigenen Combos zu hören sein, unter den Sidemen stechen Teddy Edwards und Dodo Marmarosa besonders heraus. Auch Marmarosa ein immenses Talent, das sein Versprechen nie einlösen konnte. Wir hören zudem erste Kostpropben eines kalifornischen Bassisten, der so gar nicht mit dem "West Coast Jazz" (als stilistisches Etikett sowieso eine Chimäre) verbunden wird: Charles "Baron" Mingus, wie er sich damals nannte.

Die folgenden beiden Sendungen ziehen die Entwicklung der Musik in groben Zügen nach: wie nach dem Bebop die "Birth of the Cool"-Band von Miles Davis zum bedeutenden Einfluss wurde, wie Stan Kenton, Shorty Rogers neue, teils recht experimentelle Klänge erforschten, wie Gerry Mulligan sein klavierloses Quartett mit Chet Baker gründete, wie dieser dann sein Quartett mit Russ Freeman startete. Diese Entwicklung brachte auch Verlierer mit sich: der kalifornische Jazz wurde immer "weisser", er wurde leichter geniessbar als der Bebop es je sein konnte, oft kammermusikalisch, rhythmisch gradliniger, wenn er sich nicht gerade in ambitionierten formalen, oft pseudo-klassichen Experimenten verlor. Für Musiker wie Edwards, Gordon oder Gray gab es kaum noch Auftrittsmöglichkeiten, Ross Russell hatte seinen Laden dichtgemacht und war mit Dial gen Osten gezogen, die anderen bedeutenden kalifornischen Label – Pacific Jazz und Contemporary – mochten sich an den heissen Klängen, die einst an der Central Avenue aufglühten, die Finger nicht verbrennen (während Capitol sowieso eher dem Mainstream-Jazz zugeneigt war, auch manch ein Experiment von Stan Kenton nur diesem zuliebe herausbrachte).

Zu den jungen Talenten, die Ende der Vierziger und Anfang der Fünfziger auf die Szene drangen, gehören Musiker wie Art Pepper, Bud Shank, Bob Cooper oder Hamptown Hawes. Fast omnipräsent war Schlagzeuger Shelly Manne, der beste Trommler an der "Coast" - wie Mulligan aus New York zugezogen. Howard Rumsey leitete im Lighthouse regelmässige Jam-Sessions, die den Musikern aus Kentons Band die Möglichkeit boten, sich in entspannter Atmosphäre dem Jazz zu widmen. Chico Hamilton – der erste Drummer des Mulligan Quartetts – wiederum gründete Mitte der Vierzigerjahre ein Quintett, das einen neuen kammermusikalischen Jazz spielte, Jimmy Giuffre traf auf Manne und Rogers und nahm für das kalifornische Erfolgslabel Capitol Records zwei Platten auf, die in eine ähnliche Richtung gingen.

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