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gypsy goes jazz #35 - Mingus! Ein Portrait des Bassisten, Komponisten und Bandleaders Charles Mingus (02.06.2016, 22:15)

Die letzte Folge von gypsy goes jazz vor der Sommerpause ist Charles Mingus gewidmet, dem einzigartigen Bassisten, Bandleader und Komponisten aus Kalifornien. Er begann seine Karriere als "Baron" Mingus im Los Angeles der Vierzigerjahre (wir hörten in Folge #15 eine Kostprobe), spielte in Lionel Hamptons Big Band (der auch Arrangements von Stücken Mingus' einspielte), mit Charlie Parker und den anderen grossen Musikern des Bebop, begann in den frühen Fünfzigern eine Phase des Experimentierens, die sich in kühlen Aufnahmen mit manchmal vollständig komponierter Musik niederschlug, in Experimenten mit Gesang, mit Vertonungen von Texten ("Jazz & Lyrik" lässt grüssen, doch so heiss wie auf Mingus' "The Clown" hört sich das sonst nirgendwo an!), mit klangmalerischen Poemen und musikalischen Skizzen.

Mitte der Fünzigerjahre entstanden für sein mit Max Roach zusammen gegründetes Label Debut grossartige Live-Aufnahmen aus dem Café Bohemia in New York, aber auch sein erstes bahnbrechendes Studio-Album, "Pithecantropus Erectus". Die nächsten zehn Jahre folgte eine grossartige Aufnahme auf die andere, es entstand ein Werk-Korpus, das im Jazz einzigartig ist - und enorm reichhaltig. Mingus orientierte sich an Duke Ellington, schneiderte seinen Sidemen die Musik auf den Leib, arbeitete mit seinem "Workshop" ohne Noten, sang den Musikern stattdessen die Linien vor, spielte die Changes am Klavier - und war bemüht darum, seine Musik möglichst spontan und frei zu gestalten.

Diesem Multitalent in einer Stunde gerecht zu werden, ist unmöglich. Es soll aber der Versuch gewagt werden, eine facettenreiche Auswahl von Musik aus den frühen Fünfzigern bis frühen Sechzigern zu spielen, die seinen Bass, seine Combos, seine Begabung als Komponist und Arrangeur aber auch seine Tätigkeit als Sideman und Label-Chef vorstellt.

Charles Mingus kam am 22. April 1922 in Nogales, Arizona, auf einer Army-Basis zur Welt. Die meiste Zeit seiner Jugend verbrachte er in Watts, Los Angeles. Früh zog es ihn zur Musik, einer seiner Mentoren war der spätere Ellington-Posaunist Britt Woodman, in frühen Bands von "Baron" Mingus wirkten auch Lucky Thompson oder Eric Dolphy mit.

In seinem autobiographischen Buch "Beneath the Underdog" schreibt Mingus, seine Mutter sei "the daughter of an Englishman and a Chinese woman" gewesen, sein Vater der Sohn "of a black farm worker and a Swedish woman". Auch amerindianisches Blut floss in seinen Adern. Seine Haut war zu hell, als dass ihn die schwarze Community in Watts akzeptiert hätte, aber auch zu dunkel, um als Weisser durchzugehen: "I am Charles Mingus. Half-black man. Yellow man. Half-yellow. Not even yellow, nor white enough to pass for nothing but black and not too light enough to be called white."

Das Thema beschäftigte ihn zeit seines ereignisreichen, schwierigen Lebens. Mingus war Zuhälter, mehrmals verheiratet, spielte möglicherweise mit Bobby Fischer in der Nervenheilanstalt Schach, schlug seinem Posaunisten Jimmy Knepper einen Zahn aus, flog nach wenigen Wochen aus der Band seines grossen Vorbildes Duke Ellington, weil er sich von Juan Tizol in einen Messerkampf verwickeln liess, verliess Red Norvos Trio, als dieser für einen TV-Auftritt einen weissen Bassisten anstellte, war mit dabei als in Toronto das famose Konzert in der Massey Hall mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Bud Powell und Max Roach stattfand ... und nahm vor allem eine Menge wunderbarer Alben als Bandleader auf.

Mit seiner Ehefrau Celia und Max Roach sowie dessen damaliger Freundin gründete er in den frühen Fünfzigern das unabhängige Label Debut Records, für das er - oft selbst als Sideman mitwirkend - eine Menge toller Aufnahmen produzierte, darunter auch kühle Experimente mit Musikern wie Lee Konitz, Teo Macero und John La Porta. Die letzte Frau an seiner Seite, Sue Mingus, hält heute noch die Flamme am Leben - mit Mingus Dynasty und vor allem der Mingus Big Band, der immer wieder das Kunststück gelingt, die eruptive, unbändige Kraft von Mingus' Musik zum Leben zu erwecken, obwohl das ohne den Vulkan am Kontrabass eigentlich undenkbar ist.

Sonst hielt es Mingus selten lange - oder: kein Produzent mochte sich lange mit ihm herumschlagen. Zu stark war sein Charakter, als dass er grössere Eingriffe in seine Musik tolerieren konnte. Columbia etwa wollte seinen Song gegen den rassistischen Gouverneur von Arkansas, Orval E. Faubus, nicht mit Text/Gesang einspielen und veröffentlichen. Sein Magnum Opus "The Black Saint and the Sinner Lady" (Impulse!), so meinte Produzent Bob Thiele, hätte aus kleinsten brauchbaren Schnipseln nachträglich zusammengesetzt werden müssen.

Für Atlantic entstand in der zweiten Hälfte der Fünfziger eine ganze Reihe toller Alben, darunter "Pithecantropus Erectus" und "Blues and Roots". 1959 fanden auch Sessions für Mercury ("Pre-Bird") und Columbia ("Mingus Ah Um", "Mingus Dynasty") statt, die ihm grössere Besetzungen ermöglichten. 1960 gehörten Mingus wie auch Max Roach zu den Musikern, die für Nat Hentoffs kurzlebiges Label Candid hervorragende Aufnahmen machten. Die LP "Charles Mingus Presents Charles Mingus" gehört zu den besten Jazz-Alben aller Zeiten. 1962 erst brachte die konservative, übervorsichtige RCA das fünf Jahre zuvor eingespielte Album "Tijuana Moods" heraus, das einen Besuch in der mexikanischen Grenzstadt musikalisch aufarbeitet. In den frühen Sechzigern entstanden drei LPs für Impulse!, neben dem erwähnten auch das Solo-Album "Mingus Plays Piano", das gewissermassen den Trend introvertierter, frei-fliessender Solo-Klavieralben vorwegnahm, der ein paar Jahre von Keith Jarrett, Paul Bley und anderen losgetreten wurde.

Im April 1964 ging Mingus mit einer hervorragenden Band nach Europa: Johnny Coles, Eric Dolphy, Clifford Jordan, Jaki Byard und sein langjähriger treuer Schlagzeuger Dannie Richmond waren dabei. Mit diesem verband Mingus eine fast symbiotische Beziehung, schon früh begannen die beiden, Polyrhythmen und flexible Tempi auszuprobieren. 1964 war das Jahr, in dem in New York die Avantgarde den (musikalischen) Durchbruch erlebte. Mingus' Band mit allesamt etwas älteren Musikern griff die Freiheit, die sich bei Ornette Coleman oder Cecil Taylor anbahnte auf und spielte u.a. in Stockholm, Oslo, Kopenhagen, Paris, Bremen und Wuppertal fantastische, äusserst intensive Konzerte.

Johnny Coles kollabierte auf der Bühne in Paris und musste ins Krankenhaus gebracht werden, Eric Dolphy verliess die Band nach der Tour und starb Ende Juni in Berlin - Mingus spielte noch ein, zwei Jahre weiter, trat 1965 in Monterey mit einem grossartigen neuen Programm auf (in der erweiterten Formation spielte u.a. auch sein einstiger Mentor Red Callender mit), im Folgejahr wurde das für Monterey geplante Programm an der UCLA aufgeführt - und beide Konzerte wurden auf Mingus' zweitem Label Jazz Workshop via Mail Order vertrieben und sind heute - neben weiteren Aufnahmen von 1964/65, auch einem Konzert von der Europa-Tournee - in einer äusserst lohnenswerten Mosaic-Box wieder greifbar.

Danach verstummte Charles Mingus, verschwand von der Bildfläche. Mit persönlichen Problemen geschlagen wurde er 1966 aus seinem Appartment geworfen, arbeitete in der Zeit an seinem Buch "Beneath the Underdog" (es erschien 1971) und wirkte an einem Film mit, der 1968 fertiggestellt wurde, "Charlie Mingus 1968". Erst ein knappes Jahrzehnt später kehrte Mingus als Albumkünstler zurück, fortan unter Medikamenten stehend und nie mehr ganz die alte Kraft erlangend. Doch er nahm erneut für Columbia und v.a. für Atlantic ("Changes One" und "Changes Two") auf. Mingus sollte die Dekade nicht mehr zu Ende leben, am 5. Januar 1979 starb er, geschwächt von einer Muskelschwundkrankeit, in Mexiko. Die letzten Aufnahmen hatte er noch aus dem Rollstuhl geleitet, die Kraft, den Bass zu spielen, fehlte ihm bereits.

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