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gypsy goes jazz #16 - Goin' West: Cool Innovations - Los Angeles, early fifties (04.06.2015, 22:00)

Shelly Manne, c. 1947/48 mit Stan Kenton (Photo: William P. Gottlieb)

Die zweite Folge von "Goin' West" widmet sich erneut der Jazzszene in Los Angeles. Nachdem in der letzten Folge von gypsy goes jazz die in den Vierzigern blühende Szene der Central Avenue im Zentrum stand, die stark vom Bebop geprägt war, geht es dieses Mal um die ersten Jahre des neuen Jahrzehnts. Für schwarze Musiker wie Wardell Gray, Dexter Gordon oder Teddy Edwards verschwanden die Auftrittsmöglichkeiten in den frühen Fünfzigern schnell. Andere wie Howard McGhee waren längst wieder aus Kalifornien verschwunden.

Gleichzeitig entwickelte sich eine neue Szene, die stilistisch zwar vielfältig, aber - man muss es leider so deutlich sagen - in erster Linie weiss war. Stan Kenton leitete schon seit einem Jahrzehnt seine eigene Big Band, die er allerdings immer mal wieder auflöste. In den späten Vierzigern wurde sie zum Laboratorium, durch das viele gute Solisten gingen, noch verstärkt kam dieser Aspekt bei der Band zu tragen, die er 1950 gründete. Sie war unter dem moniker "Innovations in Modern Music" unterwegs - kein Scherz! Bill Russo steuerte Arrangements bei, die den sogenannten Third Stream vorwegnahmen, in der Band sassen nicht nur Hörner und Tubas sondern auch Streicher, und bei Bedarf wurde die Rhythmusgruppe um ein paar Latin Percussionisten erweitert.

Doch bot diese oft bombastische Band auch Raum für einige tolle Solisten wie den jungen Art Pepper oder Shorty Rogers, der auch als Arrangeur bei Kenton erste Schritte machte. Zur Band gehörten ebenso Bud Shank, Bob Cooper, Maynard Ferguson mit seiner Stratosphärentrompete oder die Sängerin June Christy (die schon 1945 als Nachfolgerin von Anita O'Day - wir hörten sie letztes Mal - zu Kenton gestossen war). Am Schlagzeug sass Shelly Manne, der sich später erinnerte: "I was an east coast drummer, and I don't think all the men were used to my free, loose concept. I think that looser feeling was the main thing." - Und doch wurde er zum first call drummer an der Wesküste und Manne ist auch der heimliche Star der Sendung, taucht er doch auf mehr als der Hälfte der Stücke auf. Er beherrschte das Antreiben einer mächtigen Big Band ebenso wie das zarte Spiel - manchmal nur mit den Fingern - im kammermusikalischen Rahmen.

June Christy (voc) und Eddie Safranski (b) mit der Band von Stan Kenton (im Hintergrund am Klavier), im Pershing Ballroom in Chicago 1948 (Photo: Ted Williams)

Bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung des sogenannten "West Coast Jazz" - der Begriff versucht nun, eine stilistische Eingrenzung zu machen, man kann ihn auch viel weiter gefasst verwenden - hatte Miles Davis' New Yorker "Tuba-Band", deren Sessions von Capitol auf der LP "Birth of the Cool" gesammelt wurden. Wir hörten in der vorletzten Sendung einige Kostproben daraus. Gerry Mulligan, der mit seinem klavierlosen Quartett mit dem Trompeter Chet Baker Furore machte, oder Shorty Rogers, als er Kenton verliess, nahmen in ähnlichen Formationen auf - mit Horn, Tuba, manchmal ohne Klavier. Mulligan, der im im Frühling 1952 aus New Yorker nach Los Angeles kam, war ja selbst beteiligt an den Davis-Sessions - als Baritonsaxophonist wie auch als Arrangeur.

Neben den Bands von Stan Kenton, Gerry Mulligan und Shorty Rogers hören wir auch Musik von Art Pepper, von Howard Rumsey und seinen Lighthouse All Stars, von Shelly Manne, und nicht zuletzt von Chet Baker, der 1953 sein eigenes Quartett gründete, als Mulligan ein halbes Jahr Arrest absitzen musste (es ging natürlich um Drogen). Die Musiker des "West Coast Jazz" verkörperten ein neues Image, Mulligan war ein ernster, hungriger Junge, Chet Baker hätte wohl auch eine Hollywood-Karriere machen können ... doch die Musik ist nicht so körperlos und missraten, wie man immer wieder hört. Experimente gab es zuhauf, Bud Shank und Bob Cooper spielten zusammen Flöte und Oboe, Jimmy Giuffre arrangierte atonale Musik, es wurde frei improvisiert ohne dass dabei die Wände wackeln mussten. Doch es wurde auch - und das hören wir dann noch deutlicher in der nächsten Sendung (der letzten vor der Sommerpause, am 23. Juni um 22 Uhr) - drauflosgespielt, mit viel Verve und Engagement, und oftmals mit sehr deutlichen Wurzeln im Bebop.

Art Pepper (Photo: William Claxton)

Die Band des Abends:

Trompete: Chet Baker, Shorty Rogers, Maynard Ferguson
Horn: John Graas
Altsaxophon: Art Pepper, Lee Konitz
Altsaxophon, Flöte: Bud Shank
Tenorsaxophon: Bob Cooper, Jimmy Giuffre
Baritonsaxophon: Gerry Mulligan
Piano: Stan Kenton, Hampton Hawes, Russ Freeman
Bass: Eddie Safranski, Joe Mondragon, Carson Smith
Drums: Shelly Manne, Chico Hamilton, Larry Bunker
Gesang: June Christy, Chet Baker
Arrangements: Gerry Mulligan, Shorty Rogers, Jimmy Giuffre, Bill Russo, Jack Montrose

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