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gypsy goes jazz #6 - Tenor Giants: Coleman Hawkins (27.01.2015, 22:00)

Coleman Randolph Hawkins (Saint Joseph, MO, November 21, 1904 – New York, NY, May 19, 1969)
Photo: Portrait of Coleman Hawkins, Spotlite (Club), New York, N.Y. (William P. Gottlieb)

Das Beste, was Schwarze gesagt haben - über ihre Seele -, haben sie auf dem Tenor gesagt

~ Ornette Coleman

Tenor Giants - eine neue Reihe präsentiert die wichtigsten Tenorsaxophonisten des Jazz. Den Anfang kann kein anderer als Coleman Hawkins machen. Er etablierte das Instrument, das spätestens mit John Coltrane und Sonny Rollins zum Königsinstrument des Jazz wurde, im Alleingang. Während Sidney Bechet - von der Klarinette ausgehend - den Jazz bereits auf das Sopransaxophon übertragen hatte und Adrian Rollini mit dem seltenen Basssaxophon bestens zugange kam, war es Hawkins, der im Verlauf der Zwanzigerjahre den Jazz auf das Tenorsaxophon übertrug.

Hawkins spielte während eines Jahrzehnts in der Big Band von Fletcher Henderson, wo er auch auf Louis Armstrong traf. Von diesem lernte er eine ganze Menge. In den späten Zwanzigernjahren war er bereits der unangefochtene König auf dem damals noch recht seltenen Instrument.

Armstrong created jazz phrases out of a vocabulary that drew heavily upon the blues and the „irrationalities“ of African rhythms. This frightened some in the music world and inspired many more. Within a decade, there would be Armstrong-esque singers and instrumentalists all over the world. Hawkins was one of the first to begin transforming Armstrong’s example into personal terms, but it would be a lengthy process.

~ Loren Schoenberg

1934 brach Hawkins nach Europa auf, wo er bis im Sommer 1939 blieb und unter anderem Aufnahmen mit Django Reinhardt und seinem amerikanischen Kollegen Benny Carter machte. Er wohnte und spielte unter anderem in England, Dänemark, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden. Das aufgeheizte politische Klima - Hawkins wurde bereits am Anfang seines Aufenthaltes die Einreise nach Deutschland verboten - und der Wunsch, wieder mit seinen amerikanischen Kollegen zu spielen, trieben ihn schliesslich zurück nach New York. Bald hatte er seinen Ruf als führender Tenorsaxophonist wieder etabliert. Noch 1939 nahm er mit "Body and Soul" eins seiner grossen Meisterwerke auf. Ein Solo, das seinen endlosen Fundus an Ideen präsentiert, seine immer wieder überraschende Verbindung von harmonischer Waghalsigkeit mit melodischem Erfindungsreichtum.

Mitte der Vierzigerjahre spielte Coleman Hawkins mit zahlreichen Musikern des aufkommenden neuen Jazz-Stils, des Bebop. Thelonious Monk nahm mit Hawkins seine ersten Platten auf, Oscar Pettiford wurde zu einem Schützling, in einer Hawkins-Session entstand mit Dizzy Gillespies "Woody'n You" 1944 vermutlich die erste Bebop-Aufnahme überhaupt. Daneben spielte Hawkins weiterhin mit Musikern aus der Swing-Ära wie Teddy Wilson, Buck Clayton oder mit dem Pianisten Earl Hines, dessen Anfänge noch weiter zurücklagen. Eine besondere Freundschaft verband ihn mit dem Trompeter Roy Eldridge. Die beiden sollten bis in die Sechzigerjahre immer wieder gemeinsam Konzerte geben und Platten aufnehmen.

In den Nachkriegsjahren stiess Hawkins zu Norman Granz' Konzertreihe Jazz at the Philharmonic. Unter den Tenorsaxophonisten, die regelmässig mit JATP auftraten, fand sich sein Antipode Lester Young, der einen leichteren Stil pflegte und im Vergleich zu Hawkins stärkeres Gewicht auf die Melodie legte. Young schien oft gleichsam über der Band - vor allem der Big Band seines langjährigen Chefs Count Basie - zu schweben. Doch auch sein Stil ist ohne Hawkins nicht denkbar, sei es deshalb, weil er sich von ihm abheben wollte, sei es im Hinblick auf einzelne Elemente, die er dem Meister abschaute. Bei Basie spielte Young ein paar Jahre neben dem früh verstorbenen Hawkins-Schüler Herschel Evans, der nach seinem Tod von Buddy Tate abgelöst wurde. Youngs Nachfolger war zunächst Chu Berry, dann folgte Don Byas - allesamt waren sie stark von Hawkins geprägt. Auch bei Jazz at the Philharmonic spielten wichtige Hawkins-Schüler wie Ben Webster oder Illinois Jacquet mit. Mit den meisten von ihnen nahm Hawkins in den Vierziger- und Fünfzigerjahren Platten auf.

Dem um 1960 aufkeimenden Free Jazz gegenüber äusserte Hawkins sich zwar ohne Verständnis, doch brach er - auch das eine Parallele zu Lester Young - in seinen Soli immer wieder mit den Konventionen, seine pure Energie war oftmals kaum zu bremsen. 1963 spielte er am Jazzfestival in Newport an der Seite von Sonny Rollins - dessen Stil wiederum von Hawkins wie auch von Young geprägt war - und spielte mit ihm auch ein Studio-Album ein. Mit dem Mainstream-Modernisten Tommy Flanagan leitete er in den frühen Sechzigern ein musikalisch äusserst erfolgreiches eigenes Quartett, spielte aber auch weiterhin mit älteren Kollegen wie Pee Wee Russell oder Johnny Hodges und nahm ebenfalls 1962 ein längst überfälliges Album mit Duke Ellington auf.

Hawkins' Hunger war legendär - sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Doch irgendwann in der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre versiegte er. Der stets elegant gekleidete Mann begann, sein Äusseres zu vernachlässigen, liess sich einen Bart wachsen, ging nicht mehr zum Friseur. Schon lange war er in schwerer Trinker, doch als er nicht mehr wie früher mit einem Hunger für drei ass, machte sich dies allmählich auch in seiner Musik bemerkbar. Noch immer nahm er an manchen Tagen wunderbare Stücke auf, aber an anderen gelang es ihm nicht mehr. Schliesslich verstummte seine Stimme Ende der Sechzigerjahre für immer.

(Flurin Casura)

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